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Liebe Leser*innen

Immer noch ist das Migrationsrecht eines der sich am rasantesten entwickelnden Rechtsgebiete, das Gesetzgeber, rechtsanwendende Behörden, Gerichte, AnwältInnen und sonstige PraktikerInnen, aber auch Betroffene ständig vor neue Herausforderungen stellt. Insbesondere das Asylrecht steht oft im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, aber auch das Ausländer- und Freizügigkeitsrecht sowie das Bürgerrecht sind äusserst dynamisch. Diese Schwerpunktausgabe des Jusletters greift einige aktuelle Themen auf und trägt so zur wissenschaftlichen Debatte bei, ist aber auch für Personen aus der Praxis interessant.

Im Asylbereich ist die Frage der Abklärung medizinischer Details nach wie vor problematisch. Dies zeigt sich besonders im beschleunigten Verfahren, das zwar zügig, keinesfalls aber übereilt und oberflächlich durchgeführt werden soll. Sofia Amazzough zeigt in ihrem Beitrag («L’établissement des faits médicaux dans la procédure d’asile accélérée») die bestehenden Schwierigkeiten auf und fordert eine bessere Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure.

Melanie Berger und Sarah Progin-Theuerkauf («Afghaninnen in der schweizerischen Asylpraxis – Überlegungen zur Praxisänderung des SEM vom Juli 2023») diskutieren die viel debattierte Praxisänderung des SEM, nach welcher weiblichen Asylsuchenden aus Afghanistan – nach einer Einzelfallprüfung – in der Regel die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wird.

Janine Prantl («In einem fremden Land arbeiten, wenn zu Hause Krieg herrscht: Empfehlungen zum Recht auf Arbeit für Vertriebene aus der Ukraine») beschäftigt sich mit dem Zugang zum Arbeitsmarkt von temporär Schutzberechtigten und den internationalen und europäischen Rahmenbedingungen und vergleicht diese mit der Situation in der Schweiz.

Der Aufsatz von Marc Spescha und Sven Kury («Beseitigung der Inländerdiskriminierung vor dem Durchbruch? Chronik eines institutionellen Versagens oder: warum die Gesetzesrevision verfassungsmässige Pflicht und demografisches Gebot ist») arbeitet das seit rund 15 Jahren bestehende Problem der Inländerdiskriminierung beim Familiennachzug nach dem AIG, das im Vergleich zur FZA-Regelung viel restriktiver ist, auf und ruft in Erinnerung, wie wichtig eine baldige Beseitigung dieses bereits 2010 durch das Bundesgericht festgestellten Missstandes durch eine aktuell im Parlament hängige Revisionsvorlage wäre.

Ludivine Mathez («L’inclusion des enfants dans l’acquisition de la nationalité») befasst sich mit dem Einbezug von Kindern in Einbürgerungsgesuche der Eltern. Auch wenn Kinder gewisse Erleichterungen bei der Einbürgerung geniessen, hängt der Ausgang ihres Antrags, wenn sie in den Antrag eines bzw. ihrer Eltern einbezogen werden, von den Eltern ab.

Die Herausgeberinnen dieser Schwerpunktausgabe, Sarah Progin-Theuerkauf und Samah Posse, wünschen eine spannende Lektüre.

Wissenschaftliche Beiträge
Sofia Nicolas-Amazzough
Sofia Nicolas-Amazzough
Abstract

Der Gesundheitszustand von Asylsuchenden kann im Rahmen ihres Verfahrens von entscheidender Bedeutung sein und den Ausgang des Verfahrens beeinflussen; aus diesem Grund ist die Feststellung des medizinischen Sachverhalts ein grundlegendes Element. Im vorliegenden Beitrag analysiert die Autorin, ob sich dieses Element mit dem neuen Asylgesetz von 2019 vereinbaren lässt, das allen Beteiligten besonders eng getaktete Fristen auferlegt. Zu diesem Zweck untersucht sie den Prozess der Ermittlung des medizinischen Sachverhalts in den neuen Bundesasylzentren (BAZ) seit der Testphase des neuen Gesetzes, speziell in der Westschweiz, im Lichte der einschlägigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (BVGer). (xf)

Melanie Berger
Melanie Berger
Sarah Progin-Theuerkauf
Sarah Progin-Theuerkauf
Abstract

Der vorliegende Beitrag behandelt die Praxisänderung des SEM, welche per 17. Juli 2023 in Kraft getreten ist und nach der weiblichen Asylsuchenden aus Afghanistan – nach einer Einzelfallprüfung – in der Regel die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wird, da sie als Opfer diskriminierender Gesetzgebung und religiös motivierter Verfolgung betrachtet werden können. Zudem wird das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu asylsuchenden afghanischen Frauen und Mädchen erläutert, das die Praxisänderung des SEM stützt. Thematisiert werden auch zwei Motionen, die sich gegen die Praxisänderung wenden. Der Beitrag schliesst mit einer Gesamtbewertung und kommt zum Schluss, dass die aktuelle Praxis nicht zu beanstanden ist.

Janine Prantl
Janine Prantl
Abstract

Das Völkerrecht fordert einen schnellen und erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt für Vertriebene aus der Ukraine. Auch aus wirtschaftlicher Sicht hilft der erleichterte Zugang zum Arbeitsmarkt sowohl den Vertriebenen selbst als auch den Aufnahmeländern. In diesem Beitrag werden die Ansätze der EU-Mitgliedstaaten dargestellt und Empfehlungen für die Schweiz zur Verbesserung ihrer Politik abgeleitet. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die Aufnahme von Arbeit für Vertriebene aus der Ukraine mit Schutzstatus S in der Schweiz derzeit noch immer bewilligungspflichtig ist – obwohl sich der Bundesrat für eine Öffnung des Arbeitsmarktes ausgesprochen hat.

Marc Spescha
Marc Spescha
Sven Kury
Sven Kury
Abstract

Die Autoren zeigen, wie es dazu kommen konnte, dass Schweizer:innen mit ausländischen Familienangehörigen migrationsrechtlich schlechter gestellt sind als EU-/EFTA-Bürger:innen. Sie dokumentieren, wie diese Rechtslage während inzwischen rund 15 Jahren Bestand haben konnte, obwohl das Bundesgericht den Gesetzgeber zur Beseitigung des Missstandes aufgefordert hatte. Die Autoren weisen nach, wie sich die sogenannte Inländerdiskriminierung migrationsrechtlich auswirkt und dass deren Beseitigung im Rahmen einer aktuell im Parlament hängigen Revisionsvorlage dringlich erscheint. Ein abschliessender Blick widmet sich der quantitativen und demografischen Bedeutung derselben.

Ludivine Mathez
Abstract

Das Schweizer Bürgerrecht wird sehr häufig von Ausländern beantragt, die sowohl in der Schweiz als auch im Ausland ansässig sind. Nicht zuletzt dank der Neutralität der Eidgenossenschaft ist der rote Pass mit Kreuz ein Sinnbild für Sicherheit und steht für den Zugang zur Ausübung der Demokratie. Er ermöglicht die Teilnahme an Abstimmungen und Wahlen auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene. Für viele Ausländer erleichtert der Schweizer Pass auch das Reisen, meist ohne Visum. Doch was ist mit den Kindern, die in den Antrag ihrer Eltern aufgenommen wurden? (xf)

Aus dem Bundesgericht
Jurius
Abstract

BGer – Electronic Monitoring (elektronische Überwachung) kann als Strafvollzugsform in Betracht kommen, wenn der vollziehbare Teil einer teilbedingten Freiheitsstrafe höchstens 12 Monate beträgt. Das Bundesgericht gleicht seine Praxis zum Electronic Monitoring derjenigen zur Halbgefangenschaft an. Bis anhin war Electronic Monitoring nur zulässig, wenn die Gesamtfreiheitsstrafe nicht über einem Jahr lag. (Urteil 7B_261/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Das Bundesgericht bestätigt den Schuldspruch gegen Alain Soral wegen Diskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung. Er hat sich in einem 2021 im Internet veröffentlichten Film-Interview in strafbarer Weise über eine Journalistin und die homosexuelle und lesbische Gemeinschaft geäussert. In Bezug auf die Ausgestaltung der Strafe wird seine Beschwerde teilweise gutgeheissen. (Urteil 6B_1323/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Für die zukünftige Produktion von Strom aus Klärgas wird eine bestehende Biogasanlage in der Innerschweiz nicht die gleiche Vergütung erhalten wie für den heutigen Strom aus Biomasseabfällen. Dies hat das Bundesgericht entschieden. Beide Gase sind nicht fossile Energieträger, die Energieförderungsverordnung macht jedoch unterschiedliche Vorgaben. (Urteil 2C_174/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Die Entlassung eines Kantonsschullehrers im Aargau nach wiederholten kritischen Äusserungen gegen die Corona-Massnahmen der Behörden ist rechtskräftig. Das Bundesgericht hat eine Beschwerde des Mannes abgewiesen. (Urteil 8C_83/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Das Bundesgericht hat ein Revisionsgesuch des früheren Chefs der guatemaltekischen Nationalpolizei, Erwin Sperisen, abgewiesen. Es geht um die Einstellung von Untersuchungen gegen zwei Zeugen, die Sperisen im Prozess vor der Genfer Justiz belasteten. (Urteil 6F_46/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Ein Vermögensberater aus dem Kanton Luzern ist rechtskräftig wegen gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung verurteilt. Das Bundesgericht hat die Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sieben Monaten bestätigt und die Beschwerde des Mannes vollumfänglich abgewiesen. (Urteil 6B_978/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Das Bundesgericht heisst die Beschwerde von Swisscom im Zusammenhang mit einem Entscheid der Wettbewerbskommission (WEKO) von 2015 gut. Die WEKO hatte gegen Swisscom wegen Verletzung des Kartellrechts bei einer Ausschreibung der Schweizerischen Post von 2008 eine Sanktion von über 7 Millionen CHF verhängt. Das Bundesgericht hebt das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf, mit dem dieses den Entscheid der WEKO weitestgehend bestätigt hat. (Urteil 2C_698/2021)

Jurius
Abstract

BGer – Ein heute 66-jähriger als aussereheliches Kind geborener Mann hat keinen Anspruch auf den Nachlass seines verstorbenen Vaters, auch wenn sich dieser mit vormundschaftlich bewilligtem Vertrag zu Unterhaltszahlungen verpflichtete. Diese Zahlvaterschaften wurden in späteren Gesetzesrevisionen nicht automatisch in sogenannte rechtliche Kindesverhältnisse umgewandelt, hält das Bundesgericht fest. (Urteil 5A_238/2023)

Jurius
Abstract

BGer – Das Bundesgericht hat die Einstellung der Strafuntersuchung gegen den früheren Präsidenten der Migros-Regionalgenossenschaft Neuenburg-Freiburg, Damien Piller, bestätigt. Die Genossenschaft hatte gegen den entsprechenden vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde eingelegt. (Urteil 7B_182/2024)

Aus dem Bundesverwaltungsgericht
Jurius
Abstract

BVGer – Die Railcom hat gegen das Logistikunternehmen Swissterminal Frenkendorf AG eine Untersuchung eingeleitet. Es besteht der Verdacht der Diskriminierung von Kunden mit einem niedrigen Umschlagsvolumen. Dies geht aus einem am Donnerstag veröffentlichten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hervor. (Urteil A-3815/2021)

Vernehmlassungsübersicht
Jurius
Abstract

Die Zusammenstellung beinhaltet alle laufenden Vernehmlassungen der Bundeskanzlei, der Departemente EDA, EDI, EJPD, VBS, EFD, UVEK, WBF und der Parlamentarischen Kommissionen im April 2024. Die einzelnen Vernehmlassungen sowie die dazugehörigen Unterlagen können via Links direkt abgerufen werden.